Ruanda
Wer sind die Hutu und die Tutsi?
Die ersten Bewohner Ruandas waren wohl die Twa. Diese lebten als Jäger und Sammler.
Etwa ab dem 8. Jahrhundert wanderte das Bantu-Volk der Hutu ein und verdrängte die Twa aus ihren angestammten Gebieten. Dazu kamen die Tutsi, die auch unter der Bezeichnung "Watussi" oder "Hima" bekannt sind. Strittig ist allerdings, ob diese überhaupt einwanderten oder sich aus den schon in Ruanda lebenden Völkern als eine Art von Oberschicht entwickelten.
Die Tutsi waren zwar in der Minderzahl, aber besser bewaffnet und besser ausgebildet als die Hutu. So gelang es ihnen auch, als Minderheit über die Mehrheit zu herrschen. Die Tutsi errichten im 15. Jahrhundert ein Königreich namens Banyarwanda. Die Tutsi unterwarfen die Hutu, die in der Folgezeit meistens niedrige Dienste für die Tutsi-Herrscher zu verrichten hatten.
Es handelt sich eigentlich gar nicht um unterschiedliche Volksgruppen mit eigenen Traditionen und Sitten, sondern um eine Einteilung nach Besitzstand. Dass dadurch keine gute Stimmung zwischen den beiden Gruppen entstand, liegt auf der Hand. Später sollte sich diese Feindschaft als verhängnisvoll für beide - für Hutu und Tutsi - herausstellen.
Zeit der Kolonien - Ruanda als Teil Deutsch-Ostafrikas
Im 19. Jahrhundert entdeckten die Europäer die Gegend in Ruanda. Dazu gehörten zunächst einmal Forscher wie David Livingstone und Sir Henry Morton Stanley, die sich beide auf die Suche nach den Quellen des Nils aufgemacht hatten. Doch es blieb nicht nur bei den Forschungsreisenden. Die europäischen Mächte teilten Afrika gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter sich auf.
Während der Kolonialzeit gehörte Ruanda gemeinsam mit dem Nachbarland Burundi zu Deutsch-Ostafrika. Mit der Kolonialherrschaft kamen die Missionare.
Da das Deutsche Reich zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges zählte, übernahmen die Belgier nach dem Friedensvertrag von Versailles im Jahr 1920 Ruanda als Mandat des Völkerbundes. Schon 1916 waren hier Truppen der Belgier einmarschiert.
Der Weg in die Unabhängigkeit
Wie in vielen anderen afrikanischen Ländern strebten auch die Bewohner von Ruanda nach Unabhängigkeit und einem eigenen Staat. Gleichzeitig wollte man auch die Monarchie abschaffen, denn Ruanda war noch immer ein Königreich, dem meistens ein Tutsi als König vorstand.
1956 kam es zu Verwaltungsreformen und Wahlen, aus denen die Tutsi wieder siegreich hervorgingen. Sie wurden auch von den Belgiern unterstützt und hatten die wichtigen Posten in der Verwaltung inne. Das wollten sich die Hutu nicht gefallen lassen und der Konflikt verschärfte sich. Schon damals kam es zu Kämpfen zwischen den beiden Gruppen und viele Tutsi wurden ermordet oder flohen in Nachbarländer. So kam es wieder zu einer Reform, nach der auch Hutu stärker in der Verwaltung berücksichtigt wurden.
Die Unabhängigkeit erreichte Ruanda als Republik im Jahr 1962. Der erste Staatspräsident des Landes hieß Grégoire Kayibanda. Seine Regierungszeit dauerte bis 1973, als das Militär putschte und ihn entmachtete. Zuvor hatte er versucht, seine Macht weiter auszubauen und ein Einparteiensystem einzurichten. Die Konflikte zwischen Hutu und Tutsi bestanden weiter.
Völkermord in Ruanda
Nur innerhalb von drei Monaten starben in Ruanda im Jahr 1994 800.000 Menschen. Die Spuren dieser schrecklichen Zeit sind auch heute noch sichtbar und prägen den Alltag der Menschen, auch wenn viele Ruander diese Zeit gar nicht mehr erlebt haben.
1994: das Jahr des Völkermordes
Der neue Präsident Ruandas hieß General Juvénal Habyarimana und war ein Hutu. Er sollte bis 1994 im Amt bleiben. Doch auch er schuf eine Einheitspartei und verbot alle anderen Parteien. Er strengte sich aber an, mit den Tutsi zu einem Ausgleich zu kommen. So wurde der Regierungschef ein Tutsi. Auch kam es 1993 zu einem neuen Friedensvertrag. Doch der Präsident kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
In der Folge kam es im Jahr 1994 zu einem Aufstand der Hutu, die grausam gegen die Tutsi vorgingen. Ihnen warf man vor, den Absturz bewusst herbei geführt zu haben. Die Hutu töteten so viele Tutsi, dass man von einem Völkermord spricht.
Die Tutsi besetzten schließlich die Hauptstadt Kigali und töteten nun dort die Hutu und trieben viele Menschen in die Flucht. Mehr als eine Million musste fliehen. Auch in der Folgezeit kam es immer wieder zu Kämpfen und Auseinandersetzungen, obwohl man zwischenzeitlich auch versuchte, mittels Friedenstruppen ein Ende des Konflikts herbeizuführen.
Situation heute
Auch wenn heute offiziell nicht mehr zwischen Hutu und Tutsi unterschieden wird und sich der Staat um Einheit und Versöhnung bemüht, bleibt der Unterschied in den Köpfen und den Herzen leider noch bestehen. Erst die nächsten Generationen, die auch den Völkermord nicht mehr erlebt haben, werden hoffentlich zu Versöhnung und Gemeinsamkeit finden.
Ruanda heute
Paul Kagame ist seit 2000 Präsident von Ruanda. Er wurde allerdings nicht vom Volk gewählt, sondern von den Abgeordneten der Nationalversammlung eingesetzt. Deshalb spricht man auch von nicht-freien Wahlen. Später wurde er auch in den Wahlen 2003, 2010, 2017 und zuletzt im Juli 2024 bestätigt, bei denen er offiziell rund 99,2 % der Stimmen erhielt. Dazu traten nur sehr schwach vertretene Gegenkandidaten an. Kritik kommt von Beobachtern, die die Wahlen und politischen Rahmenbedingungen als nicht frei oder fair bewerten.
Ruanda ist Mitglied der Vereinten Nationen, der Afrikanischen Union und der Ostafrikanischen Gemeinschaft. Interessanterweise ist es auch Mitglied im Commonwealth of Nations, obwohl es niemals eine britische Kolonie war.
Die Regierung unter Präsident Kagame hat sichtbare Erfolge bei wirtschaftlicher Entwicklung, Infrastruktur, Bildung und Gesundheit erzielt, und das Land gilt vielen internationalen Partnern als Beispiel für Stabilisierung nach dem Völkermord von 1994. Gleichzeitig weisen viele Menschenrechts‑ und Demokratiebeobachter darauf hin, dass die politische Freiheit stark eingeschränkt ist:
- Oppositionelle Parteien stehen vor großen Hürden, und prominente Gegner wurden von Wahlen ausgeschlossen oder juristisch verfolgt.
- Medien‑, Meinungs‑ und Versammlungsfreiheit sind deutlich begrenzt, Zivilgesellschaft und unabhängige Organisationen haben nur eingeschränkten Spielraum.
Auch wird die politische Vergangenheit des Präsidenten sehr kritisch gesehen. Menschenrechtsorganisationen und internationale Beobachter kritisieren, dass Druck auf Regierungskritiker ausgeübt wird, zum Beispiel durch Barrieren für Oppositionskandidaten, Inhaftierungen und juristische Verfahren gegen Kritiker.
Warum sitzen im Parlament von Ruanda so viele Frauen?
Was viele vielleicht auch nicht wissen: In Ruanda sitzen heute rund 64 % Frauen im Parlament. Damit liegt Ruanda weltweit an der Spitze, wenn es um den Anteil von Frauen im Parlament geht. Es sind auch deutlich mehr als zum Beispiel in Deutschland mit etwa einem Drittel Frauen im Bundestag.
Vielleicht fragst du dich, warum das so ist? Ein Grund dafür ist die Zeit nach dem Völkermord von 1994: Viele Männer waren damals gestorben, und Frauen übernahmen viele Aufgaben im Land, auch in der Politik. Hinzu kommt, dass die ruandische Verfassung und politische Regelungen schon seit Jahren eine hohe Beteiligung von Frauen fördern, sodass sie stärker in politische Ämter kommen. Doch man muss auch sagen: Ruanda wird politisch stark kontrolliert und viele Freiheitsrechte sind eingeschränkt. Das ist die andere Seite dieser Entwicklung.
